"(Zwischen) Räume im Spannungsfeld von Architektur und Städtebau"
Architektur modelliert den Übergang von privatem zu öffentlichem Raum. Sie schafft Berührungsflächen, in denen Durchlässigkeit ebenso wie Unüberwindbarkeit entstehen kann. Form und Material der Flächen und Volumen und die Komplexität der Zwischenräume spiegeln Bedeutungen und Vielfalt privaten und öffentlichen Lebens.
In der Architektur wird der Begriff der Forschung häufig diskutiert und manchmal sogar angefochten. Wenn diese Forschung angezweifelt wird, dann weil ihre Problematik nicht ausreichend definiert sei. Planer, die sich um besondere Lösungen für besondere Probleme bemühen, haben meist bereits ihr persönliches Problemfeld abgesteckt. Es entsteht der Eindruck, dass diese Forschungsbereiche individuell analysiert und festgelegt werden und keine allgemeinen Definitionen vorliegen. Ergebnisse entstehen schließlich als architektonische Projekte oder Werke. Ihr Wissenspotential ist aber, dadurch dass es nicht formalisierbar ist, auch nicht übertragbar. Nur die Ergebnisse (Projekte, Bauten) können veröffentlicht und auch vervielfältigt werden. (Diese Vervielfältigung - das Kopieren von Lösungen - wird im Bereich der Architektur jedoch als gegen die "Regeln" verstoßend angesehen.)
Aus der Hypothese von Philippe Boudon (Der architektonische Raum, Basel, Birkhäuser, 1991) dass Architektur als Vorstellung von Raum und nicht als Raum an sich zu begreifen sei, leitet sich, neben der Frage nach dem Raum im Denken, auch die Frage nach dem Unterschied zwischen architektonischem und geometrischem Raum ab. Dabei scheint der Unterschied im architektonischen Begriff der "Maßstäblichkeit" zu liegen. Da dieser Begriff, der ja auch in der Psychologie, Ökonomie oder Geographie geläufig ist, im Bereich der Architektur eine besondere Bedeutung hat, sieht Boudon Maßstäblichkeit als Unterscheidungsmöglichkeit zwischen dem geometrischen und dem architektonischen Raum. Die Entstehung der räumlichen Fassung unserer Umwelt ist Resultat der maßstäblichen Transformation gedachter Räume der Planer, Designer oder Architekten in die Wirklichkeit.
Der Frage nach der Entstehung dieser Maßstäblichkeiten und den besonderen Eigenarten von Räumen, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.
In der Auseinandersetzung mit Architektur wurden Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Planern und Theoretikern auffällig, deren thematische Auseinandersetzung sich im Bereich der Schnittstellen Architektur, Städtebau - Gesellschaft bewegte. Die Bearbeitung dieser Arbeit erfolgte während der Tätigkeit am Institut für Tragwerkslehre und am Institut für Städtebau der TU Wien, zwei Thematisch nicht gerade eng verwandten Lehrstühlen. So versucht auch diese Arbeit dem Wunsch nach gesamtheitlicher Betrachtungsweise dieser fachübergreifenden Thematik zu entsprechen. Sie soll dazu beitragen, unter den Aspekten des konstruktiven, architektonischen und stadträumlichen Gestaltens, Verstreutes zu Verknüpfen und die Heterogenität räumlicher Aspekte darzustellen.
Auf Vollständigkeit erhebt sie schon alleine deshalb keinen Anspruch, da zu diesem Themenkomplex seit nunmehr über zweitausend Jahren gearbeitet wird und so auch eine Trennung von Systematik und Geschichte in diesem Themenbereich, durch die Implikation der historischen Herkunft dieser Systeme ausgeschlossen werden muss. Diese Arbeit wird gemäß der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, wobei diese auf ältere Zitate keine Anwendung findet. Abbildungen dienen auch der Vervollständigung des Gedankenganges und müssen nicht im unmittelbaren Kontext der Ausführungen gesehen werden.
Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Theorien und Projekten die Bezüge spezifischer räumlicher Konfigurationen und ihrer Wechselwirkungen zu Architektur und Städtebau zu untersuchen. Die Entwicklungen von Architektur und Städtebau sollen in ihrer Abhängigkeit zu den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen gesehen werden.
Der Maßgebliche Beitrag des gestalteten Raumes in unserer wahrgenommenen Umwelt erfordert auch die Beschäftigung mit den zugrunde liegenden Theorien der Geisteswissenschaften.
Methodisch gliedert sich diese in vier Abschnitte, die im Weiteren genauer beschrieben werden. Dabei soll den räumlichen Aspekten der zugrunde liegenden Theorien, den architektonischen Gestaltungsmitteln und den (zwischen) räumlichen Auswirkungen nachgegangen werden. Dazu wurden neben einer Auswahl maßgeblicher Arbeiten von Architekten und Planern auch Raumtheorien betrachtet und eigene Projekte, die eine spezifische Komponente in der Auseinandersetzung mit (zwischen) räumlichen Aspekten aufweisen, miteinbezogen.
Am Beginn soll eine Übersicht über die Raumbegriffe der Philosophie, Psychologie, der Naturwissenschaften und der Mathematik zum Zweck der Einordnung des architektonischen (zwischen) Raumes dargestellt, und an unterschiedlichen Raumauffassungen erläutert werden. Ausgehend von den Überlegungen von Richard Neutra, Wilhelm Arnold, aber auch Martin Heidegger und Max Bense werden die Unterschiede in der Begrifflichkeit untersucht und die grundlegenden Bedeutungen der Anschauungen dargestellt. Themen wie die Unterscheidung von Raumbegriffen oder die Räume der Mathematik und der Philosophie finden hier neben anderen Aspekten Beachtung. Diese Aufstellung soll in weiterer Folge die Basis zur Betrachtung der räumlichen Konfigurationen und Aspekte im Bereich des Raumschaffens bilden.
Architektur ist Raumbildung. Aber auch die Naturlandschaft, die Galaxien, die Träume ebenso wie die Geometrie, Philosophie und Naturwissenschaften, aber auch die Kunst sind wesentlich "raumhaft". Wie unterscheiden sich deren Ordnungen und Eigenschaften voneinander?
Im Weiteren werden die Gestaltungsmittel der Planer zur Strukturierung und Schaffung von Raum als praktisch anwendbare Elemente dargestellt. Nach der Betrachtung der Begrifflichkeit soll so der Schritt zur Umsetzung gemacht werden. Welche Mittel und Begriffe finden Anwendung bei der Schaffung und Beschreibung oder Analyse der Räume? Hier soll die Formulierung des Raumes - der planerische Prozess der Gestaltfindung - und die daraus resultierenden Effekte und zeitlichen Aspekte des Gebauten, wahrgenommenen, also erlebten Raumes, untersucht werden. Das Instrumentarium der Gestaltungsmittel und dessen Möglichkeiten in der Umsetzung - der Raumschaffung als bauliche Manifestation - dient dafür als Grundlage. Basierend auf den Arbeiten von Vitruv über Le Corbusier bis zu Tadao Ando´s Spiel mit dem Licht und Anderen, werden neben geometrischen Überlegungen auch beispielsweise funktionelle, konstruktive oder materialspezifische Aspekte behandelt. Deren Auswirkungen auf den Wahrnehmungs- und Erlebnisraum werden im nächsten Abschnitt Rechnung getragen werden.
Als dritter Teil wird das Ergebnis des Raumschaffens, die gestaltete menschliche Umwelt, anhand von Siedlungsstrukturen und räumlichen Entwicklungen betrachtet. Die Vorstellung von erlebtem, sozialem Raum ist die Ausgangsposition des Planers. Architektur definiert nicht nur das gebaute Objekt, sondern ebenso die Veränderung des Raumes zwischen den gebauten Objekten. Dazu wurden neben den Überlegungen Hans van der Laan´s auch Argumente von Philippe Boudon u.a. zu den Aspekten von Maßstab, Proportion und Maßstäblichkeit zugrunde gelegt. Der architektonische Raum, seine Strukturbilder und Ausdehnung und der Versuch einer Darlegung des Begriffs "Zwischenraum" sowie die Untersuchung der erforderlichen Übergänge und Hierarchien im Dialog von Massivität und Leere bilden den zentralen Themenbereich dieses Abschnitts. Die Darstellung (zwischen) räumlicher Überlegungen in Bezug zur funktionalen Wirklichkeit werden anhand eines Wettbewerbsbeitrages des Verfassers dargestellt.
Den Abschluss der Arbeitet bildet die Betrachtung der Zwischen- Abstands- oder Resträume als die den, wenn man ihn so bezeichnen will, "öffentlichen Raum" formulierenden Strukturen. Die Betrachtung gesamtstädtischer, oder heute bereits regionaler Aspekte der Räumlichkeit sind Gegenstand dieser Erörterungen. Architektur strukturiert nur teilweise diesen Lebensraum und hat hier weniger Auswirkungen auf unsere Gesellschaft durch die Festschreibung von Randbedingungen für Bewegungsmuster, Begegnungen und Rückzug.
Bezugnehmend auf die Arbeiten von Hartmut Häusermann und Walter Siebel sowie Dieter Hoffmann-Axthelm, aber auch der aktuellen Diskussion des "New Urbanism" und den zugrunde liegenden Ausführungen von Christoper Alexander und andernorts auch Roland Rainers, sind hier die gesellschaftlichen Aspekte im Vordergrund der Betrachtung. Anhand von Beispielen, in denen die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit der Raumstrukturierung insbesondere im Bereich der "Zwischenräume" nachvollziehbar wird, soll dies auch angesprochen werden.
Die Auseinandersetzung mit diesem "Zwischenraum" in der Architektur setzt sich über den singulären Raum hinaus, in die Ebene der räumlichen Vernetzung und Verflechtung fort.
Kann von einem Ende der Stadt im vertrauten Sinn der "geschlossenen Räume" gesprochen werden, und ist diese Entwicklung in einer Parallele zum Ende geschlossener Gesellschaften und philosophischer Weltbilder zu sehen?
