Dubai4ever (forget Dubai)
von Christoph Luchsinger
Alles, was bisher über Dubai geschrieben und gesagt wurde, stimmt. Es ist eine der bisher grössten je auf Sand gebauten ökonomischen Maschinen, sämtliche Baurekorde seit dem Turmbau zu Babel wurden in Dubai gebrochen, alle spekulativen Möglichkeiten, die sich erdenken lassen, sind in Dubai verwirklicht und beinahe alle Traumwelten städtebaulicher Fantasien umgesetzt. Einziges Problem: Dubai ist pleite. Und wie immer in solchen Momenten wissen die Jounalisten - allen voran die Wirtschaftsjournalisten - nichts besseres, als uns zu sagen: jetzt werden alle, die das angeblich schon immer besser gewusst haben sagen, dass sie es schon längst besser gewusst haben. Mit Verlaub: ja, genau so ist es. Wir haben es schon längst besser gewusst. Ganz einfach deshalb, weil wir im Gegensatz zu vielen andern rechnen können. Und weil wir als Städtebauer nicht an die schnelle Produktion von Urbanität glauben. Was heisst Urbanität?

Urbanität heisst langsames Sedimentieren von Kulturen. Urbanität heisst langsames Entwickeln von Formen, die sich aus dem Zusammenleben von Kulturen ergeben. Urbanität heisst Konfrontation von Lebensstilen, Konvergenz von Widersprüchen, Aushandeln von Interessen, Zulassen von Differenzen, und zwar öffentlich. Dubai hat das alles nicht eingebaut in sein Konzept - und einbauen lässt sich so etwas ja auch nicht wirklich. Dubai hat nur Formen für Eindimensionalitäten erzeugt. Das könnte uns grundsätzlich zwar egal sein, wir müssen ja nicht unbedingt dahin. Weniger egal hingegen ist, dass unsere Gilde wie gebannt nach Dubai schaut, weil sich dort angeblich alles ganz im Sinne progressiver Stadtentwicklung abspielt - und dabei offensichtlich übersieht, wie eigenartig banal die Dinge daherkommen. Zwischen schauen und sehen existiert ein wesentlicher Unterschied, nicht zufällig steckt im Verb schauen das Substantiv Schau und im Verb sehen das Substantiv Sicht. Eine Sicht bedeutet durchschauen, eine Schau bedeutet etwas vorspielen, das man ansieht, aber dahinter nicht wirklich stattfindet. Diese Vordergründigkeit erhebt Dubai zum Monument des ewigen Vergessens von all dessen, was Städtebau in letzter Konsequenz bedeutet, nämlich räumliche Ausdeutung einer Gesellschaft. Die ist zwar in Dubai auch erfolgt, sie entschleiert aber gerade kraft ihrer Architektur ihre einzigartige Leere.
