Fokus: Innen und Außen

von Karin Raith

Ja, das möchste,
eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße,
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit [...]

Kurt Tucholsky, Das Ideal, 1927

Ja, genau das wollen wir. Es kann vorn in Richtung praller Urbanität und hinten in die stille Natur hinaus gehen oder auch umgekehrt. Aber wir möchten beides gleichzeitig: mitten in der Stadt und draußen in der „freien Natur“ sein.

Innen ist Stadt, außen „Natur“. Das widersprüchliche Wunschbild, das Tucholsky skizzierte, ist neben der sprunghaft angestiegenen individuellen Mobilität dafür verantwortlich, dass sich Städte mehr und mehr in der Landschaft ausbreiten. Als besonders attraktiver Wohnort haben sich Randsituationen erwiesen, von wo aus in wenigen Minuten die City mit dem Arbeitsplatz und mit Angeboten für Unterhaltung, Bildung und Konsum und ebenso schnell naturbelassene Freiräume für Erholung und Sport erreichbar sind. Die Ambivalenz der Bedürfnisse begünstigt eine städtebauliche Entwicklung mit zunehmender räumlicher Verzahnung von Siedlung und Landschaft, sie fördert ein fraktales Stadtwachstum, bei dem sich Bebauungszonen, Straßensysteme und Freiräume immer mehr verästeln und einander durchdringen. Dadurch wird der Siedlungsrand   die Berührungslinie zur offenen Landschaft   maximiert.
Im gleichen Jahr, als Tucholsky sich über die Wünsche seiner Zeitgenossen lustig machte, begann Ludwig Hilberseimer Bebauungskonzepte mit einer unendlichen Kette solcher Randsituationen zu entwerfen, die sich nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit in verschiedenen Größenordnungen wiederholen. Auf die gleiche Art, wie Wohnhäuser und Gärten aneinander grenzen, berühren einander Bebauungs- und Grünzonen und im regionalen Maßstab Stadt- und Landschaftsräume.

Innen ist Ordnung, außen Chaos. In der Beziehung zwischen Stadt und Landschaft geht es nicht nur um die optimale Erreichbarkeit von Theater oder Strand. Es geht auch um das Verhältnis von Innen und Außen. Dabei werden elementare Fragen der Beziehung zwischen Kultur und Natur berührt, Fragen, die sich wie in Hilberseimers Modell auf allen Maßstabsebenen stellen und die tief in die Zivilisationsgeschichte zurückreichen.
Von Anfang an bemühten sich die Menschen, geordnete und geschützte Zonen gegen eine bedrohliche Welt abzugrenzen und Innenräume (im weitesten Sinne) zu schaffen: in nomadischen Gesellschaften die Behausung, das Schweifgebiet, das Jagdrevier, in Agrargesellschaften Haus und Hof, Dorf und Gemarkung. Das Verhältnis zwischen Innen und Außen war kein Verhältnis von Schwarz und Weiß, sondern eine Abstufung von Herrschaftsbereichen, eine Hierarchie der Kontrolle. Im eigenen Haus, dem Innenraum schlechthin, war man - aus männlicher Perspektive betrachtet - der eigene Herr (und im europäischen Mittelalter auch mit weitestreichender Rechtsgewalt ausgestattet). Danach folgten die Bereiche abnehmender, aber immerhin noch kollektiver Kontrolle, der Siedlungsbereich und die kultivierte Landschaft. Jenseits davon war „Außen“, das Reich der „Waldwüste“, der Wildnis mit ihren Gefahren, ein rechtsfreier Raum. Die kontrollierten Bereiche mussten gesichert, befestigt, die Macht darüber durch Herrschaftszeichen denotiert werden - dies umso mehr, je höher die Bedrohung von außen war. Erst die Einführung eines allgemeinen Rechtssystems, das Erreichen von Sicherheit und Wohlstand erlaubten es, Grenzen aufzulösen.
Das europäische Haus war jahrtausendelang eine geschlossene, schützende Umhüllung des behaglichen Innenraums gegen alles Feindliche von außen, sei es Tier, Mensch oder Witterung. Alle Öffnungen bedurften als potenzielle Schwachstellen einer sorgfältigen Ausbildung, nicht nur in technischer, sondern auch in symbolischer Hinsicht. Schwellen und Zwischenbereiche begleiteten den Wechsel von der Öffentlichkeit zur Privatheit und moderierten den Übergang vom kalten Außenraum zur warmen Stube. Es gab Zeichen, die das Böse abwehrten und Signale, die Auskunft über Besitzverhältnisse und Zutrittsrechte gaben.

Der Luxus der Öffnung. Wenn sich Häuser zum Außenraum öffneten, dann nur zu geschützten Höfen oder Gärten. Die Öffnung zur umgebenden Landschaft ist in mehrfacher Hinsicht ein Luxusphänomen: Die Landschaft war in vor- und frühindustrieller Zeit für die bäuerliche Bevölkerung in erster Linie eine Stätte harter Arbeit. Nach einem Tag im Freien war man froh über einen geschlossenen, wohnlichen Raum. Die Fenster waren gerade groß genug, ein wenig Licht einzulassen und konnten meist nur mit hölzernen Läden verschlossen werden. Glas war nicht verfügbar oder unerschwinglich teuer. Im Winter hatte man die Wahl, entweder im Warmen und Dunklen zu sitzen oder mit dem Licht auch die Kälte einzulassen.
Der Blick aus dem Haus in die Landschaft war ein Privileg der Herrschenden und Besitzenden. Die bescheidenen Glasqualitäten und Scheibenformate ermöglichten zunächst nur eine bessere Belichtung der Innenräume. Eine wirkliche Aussicht gewährten erst großformatigere Gläser, die ab dem 17.Jh. produziert werden konnten. Doch technische und ökonomische Aspekte sind weniger relevant als die Tatsache, dass die Landschaft von den Eliten als etwas Anderes wahrgenommen wurde als vom einfachen Volk. Für einen Menschen aus der Oberschicht war Landschaft nicht nur Lebensraum und Nahrungsquelle, wohlgeordnetes Territorium oder Wildnis, sondern konnte auch Gegenstand philosophischer Reflexion und ästhetisches Bild sein. Physische Mobilität und Bildung waren die Voraussetzungen dafür, die Umwelt als vergleichender Beobachter wahrnehmen und auch Gegenbilder zur realen Landschaft entwerfen zu können. Und es war die existentielle Sicherheit, die eine Öffnung der Architektur nach außen erlaubte. Wer sich nicht fürchten musste, konnte Barrieren abbauen, wer die Natur beherrschte, konnte ihre Erscheinungen genießen.

Auflösung der Grenzen zwischen Innen und Außen. Die vom Bauwerk über den Garten zur Kulturlandschaft hin abnehmende Künstlichkeit und das Rückwirken des Natürlichen in den Innenraum wurden im Bereich der Hochkultur mit höchster Raffinesse gestaltet. Die Beziehungen zwischen Innen und Außen wurden unendlich variiert. Die Auflösung der Grenzen zwischen diesen Sphären erreichte im Barock durch kunstvolle Raumverschränkungen, Trompe-l’œil-Malerei, Übertragung von Architekturformen auf die Vegetation usw. einen Höhepunkt. Erst nach einem Innovationsschub in der Glasindustrie zu Beginn des 20.Jh. wurde das Spiel mit den Raumgrenzen um neue Facetten erweitert. Die Erfindung von Glaszieh- und Walzverfahren ermöglichten erstmals Fenster mit Scheibengrößen bis zu 3 x 6 Metern. Es ist müßig zu fragen, ob die Entwicklung der Glastechnologie durch den Gestaltungswillen vorangetrieben wurde oder ob erst die neuen materiellen Mittel den architektonischen Ideen Durchschlagskraft verliehen. Der technische Fortschritt eröffnete jedenfalls ganz neue Gestaltungsspielräume. Durch Glaswände konnte die visuelle Begrenzung eines Raumes unsichtbar gemacht werden, ohne die thermische Trennung zwischen Innen und Außen aufzuheben.
Nach der intensiven Erforschung des Baustoffs Glas hinsichtlich seiner Möglichkeiten, die Grenzen zwischen Bauwerk und Umgebung zu verwischen, wird nun primär das Potenzial der Computer-Designsoftware zur architektonischen Innovation erkundet. Wie die technologische Entwicklung des Baustoffes Glas und die Entwicklung räumlicher und konstruktiver Visionen einander wechselseitig herausforderten und immer noch antreiben, so verläuft jetzt die „Koevolution“ von Software-Tools, CNC, generativen Fertigungsverfahren etc. mit dem wachsenden Interesse der ArchitektInnen an der Beherrschung komplexer Formen.
Das Möbius-Haus von UNStudio war hinsichtlich der Erschließung erweiterter Geometrien modellhaft. Das Möbiusband, das weder Vorder- noch Rückseite, Anfang oder Ende kennt, diente hier als eine architektonische Figur, die die unendliche Wiederholung der täglichen Verrichtungen und Lebensabläufe im Haus organisiert und die Auflösung der Grenzen zwischen Innen und Außen zwar nicht physisch, aber konzeptionell radikalisiert. Auch das Projekt der Bibliothèque de Jussieu, Paris, von OMA ist als paradigmatischer Entwurf zunehmender Verschränkung von Innen und Außen zu sehen. Der öffentliche Raum sollte von der Straße ins Innere des neuen Gebäudes verlängert, durch Faltung komprimiert und zu einer inneren Landschaft aus kontinuierlich verlaufenden Rampen verformt werden.
Mit Hilfe digitaler Animations- und Scriptingtechniken werden in der parametrischen Architektur fließend differenzierte Oberflächen oder Schwärme von Partikeln von gegenwärtig noch sehr hohem Abstraktionsgrad generiert, die mit der Umgebung verschmelzen. „Felder“ unterschiedlicher Qualität ersetzen die Kategorien von Figur und Grund und damit auch die Unterscheidung von Architektur und Umraum.

Der „fließende Raum“ der Moderne, der die Gebäude umspülte und durchdrang, war keine auf den Maßstab einzelner Gebäude beschränkte Vorstellung, sondern auch eine städtebauliche Idee, die im Konzept der Parkstadt konkrete Gestalt annahm und in den hygienischen Missständen und Verkehrsproblemen der rasant wachsenden gründerzeitlichen Städte wurzelte. Die Blockrandbebauung mit engen Höfen und schlecht belichteten Gassen sollte aufgelöst werden. Le Corbusier, ein vehementer Verfechter der „Ville-verte“ forderte in aller Radikalität: „Il faut tuer la rue corridor!“ („Die Korridorstraße muss umgebracht werden!“) Sein Konzept: Die Bebauung ist durch Stützen vom Boden abgehoben, die Grundfläche der Stadt besteht aus einem grünen Teppich („tapis vert“   ein Terminus aus der barocken Gartenkunst), auf dem Straßen wie Flüsse mäandrieren und freistehende Hochhäuser in lockerer Konfiguration verteilt sind. Damit wurde die Stadt aufgebrochen, durchlüftet, durchgrünt und zur unbebauten Landschaft geöffnet. Damit verloren die städtischen Freiflächen aber auch ihre räumliche Fassung und den vertrauten Charakter von Interieurs.

Urbane Interieurs. Aus den Reihen des Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM), der 1933 in der Charta von Athen die funktionell gegliederte und durchgrünte Stadt zur Maxime erhoben hatte, wurde erstmals 1956 von Georges Candilis Kritik an diesem Konzept geübt. Drei Jahre später wurde nicht nur die Unzulänglichkeit der Parkstadt verkündet, sondern auch das Ende des CIAM beschlossen. Aldo van Eyck formulierte: „Ein halbes Jahrhundert lang lieferten die Architekten ein Außen für den Menschen, auch innen. Das ist aber gar nicht ihre Aufgabe: Ihre Aufgabe besteht darin, ein Innen zu schaffen, auch außen.“
Wie stark das Bedürfnis nach städtischen Freiräumen mit Interieur-Qualität ist, zeigt heute die Belebtheit solcher Orte. Sobald es das Wetter zulässt, verlagert man das Wohnen hinaus. Die Prognose, die elektronische Revolution würde die gesamte Kommunikation digitalisieren und in den virtuellen Raum verlagern, hat sich nicht bewahrheitet. Der analoge Plausch boomt. Die Outdoor-Gastroszene, Stadtstrände, Open-Air-Kinos und Straßenfeste sind beliebter denn je. Der große Hof des Wiener Museumsquartiers lebt. Nicht, weil das Kunstinteresse in den letzten Jahren so eklatant zugenommen hätte - vom kulturellen Angebot wird einfach der Vorwand für den Aufenthalt geliefert, vom architektonischen Rahmen der Lärmschutz und von den „Enzis“ das Wohnzimmer-Flair. Auf den bunten Vielzweckmöbeln wird selbst im Winter gelümmelt, herumgeturnt, gepicknickt und gedöst.

Scape©. Die Urbanisierung hat den Raum, der einmal Landschaft hieß, absorbiert. „Scape©, neither city nor landscape, is the new post-urban condition”, stellte Rem Koolhaas in seiner Pearl-River-Delta-Studie 1997 fest (und ließ diese Benennung der neuen Form der Landschaft gleich patentieren). Die Unübersetzbarkeit des Begriffs weist auf das terminologische Problem hin, dass mit „Landschaft“ im alltäglichen Sprachgebrauch der grüne Raum zwischen den Agglomerationen gemeint ist, nicht aber - wie es angesichts der urbanisierten Landschaft sinnvoll wäre - die übergeordnete Gesamtheit von Infrastruktur, Architektur und mehr oder weniger kultivierten Naturelementen.

Wenn du eine schöne Landschaft willst, dann musst du sie bauen! Der fließende Landschaftsraum der Moderne ist nicht tot, er hat nur seine Erscheinungsform geändert. Für bankrott erklärt wurde am Konzept der Parkstadt vor allem die Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr. Im Sinne einer langfristigen Brauchbarkeit müssen Strukturen geschaffen werden, die für verschiedene Nutzungen offen sind, um der wirtschaftlichen und sozialen Dynamik folgen zu können. Eine Strategie, dem „urbanen Nebel“ (André Corboz) Dichte und Identität zu verleihen, ist, ihn nicht nur durch prägnante Bauten aufzuwerten, die Interpretations- und Aneignungsspielräume bieten und identitätsstiftend wirken, sondern auch den Grünraum zu integrieren, zu verdichten und mit einer starken Identität auszustatten. Der „tapis vert“ der Moderne verlässt die Fläche, wird gefaltet, dreidimensional verformt und mit der Bebauung verschmolzen.
Diesen Ansatz verfolgen FOA mit der Meydan Shopping Mall in Ümraniye, Istanbul, die in einer räumlich und sozial fragmentierten suburbanen Situation einen städtischen Knotenpunkt schafft. Der Gebäudekomplex mit seinen differenzierten Räumen und seinem gefalteten Dach ist mehr als ein konventionelles Einkaufszentrum. Um einer Verinselung vorzubeugen wurde auf Durchlässigkeit großer Wert gelegt. Der Bau umschließt einen urbanen Platz, verknüpft die Wege aus den angrenzenden Vierteln und präfiguriert so das Straßennetz des künftigen, sich verdichtenden Stadtteils. Das Dach ist vollständig begrünt und bietet eine künstliche Topographie mit weichen Übergängen zur Umgebung. Dieses Gebäude ist Architektur, Infrastruktur und Grünraum gleichzeitig und eine Verdichtung dessen, was im regionalen Maßstab als „scape©“ in Erscheinung tritt.
Damit geraten die Begriffe vollends in Fluss: während der Naturraum nach und nach von Bauwerken überwuchert wird, wird eine grüne hügelige Landschaft als Artefakt in den städtischen Organismus integriert. Natur und Kultur sind zu einem Konglomerat verdichtet. Außen und Innen sind für die urbanisierte Landschaft keine gültigen Begriffe mehr   Disparität und Dichte treten an ihre Stelle.

Überall Stadt, überall Natur. In New York ist neuerdings Biogemüse aus lokaler Produktion sehr begehrt. Lokale Produkte, das sind die, die im Umkreis von ein paar Dutzend Häuserblocks gezogen werden. Mit Staunen vernehmen wir auch, dass der hochwertigste französische Honig nicht etwa in der Macchia der Provence gewonnen wird. Bienen, die am Dach der Pariser Opéra zuhause sind, sammeln den Nektar dafür in den blühenden Dachgärten der französischen Hauptstadt. Tucholsky würde schreiben: „Vorne der Jardin des Tuileries, hinten der Boulevard Haussmann, ein Bienenstock mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Flugloch ist die Seine zu sehen...“