Fokus: Einfamilienhäuser (EFH)
von Erich Raith
Textbeitrag für "architektur aktuell"
Erich Raith, Jänner 2010
Fallrückzieher
Um wie viel dünner wären die Bücher über Adolf Loos, wenn er keine EFH geplant und gebaut hätte?
Für Architekten ist die Bauaufgabe attraktiv. Sie ist überschaubar und herausfordernd zugleich. Man hat in der Regel einen vertrauensvollen Bauherren, mit dem man sich über die Zielvorstellungen gut verständigen kann. Das ermöglicht auch das eine oder andere innovative Experiment. Das Unternehmen dauert auch nicht allzu lange.
Diese Überschaubarkeit charakterisiert meistens auch die architekturkritische Betrachtung der EFH. Man schaut nur bis zum Zaun. Würde man darüber hinaus schauen, z.B. auf die raumplanerischen Dimensionen eines EFH, könnte es komplizierter werden. Dann unterscheidet sich ein außergewöhnliches Architekten-EFH nur mehr graduell und nicht mehr prinzipiell von einem dilettantischen Häuselbauer-EFH. „Und ist es nicht so, dass es gerade häufig die kreativen, funktionellen, individuellen Einfamilienhäuser von Architekten sind, die in Siedlungsgegenden der banalen Normalität eine absurde Eitelkeit entgegenhalten?“, hat Dietmar Steiner einmal gefragt.[1] Wenn man über den Zaun schaut und den weiteren Horizont ins Auge fasst, dann ...
... dann kommt man sich als Architekt eines EFH bald einmal wie ein Profifußballer vor, der vom Coach knapp vor dem Schlusspfiff beim Stand von 0:10 für den Gegner eingewechselt wird. Man kann in der Situation natürlich noch ein Tor schießen, vielleicht auch zwei. Man kann noch einen spektakulären Fallrückzieher anbringen und sich so auf das Zeitungscover bringen. Das Match gewinnen kann man aber nicht mehr. Das Match haben bereits die verloren, die vorher am Zug waren und als deren Mitspieler man wahrgenommen wird.
Dieser Beitrag ist nicht den singulären Fallrückziehern, sondern dem Breitensport des EFH-Bauens generell und damit den größeren räumlichen und systemischen Zusammenhängen gewidmet.
Die größeren Zusammenhänge
Mit dem Blick auf die größeren Zusammenhänge wird man EFH als typische Elemente charakteristischer baulich-räumlicher Systeme wahrnehmen. Zu solchen morphologisch-typologischen Systemen gehören typische Freiraum- und Erschließungsstrukturen. Sie weisen typische Nutzungsszenarien, Dichten, Beziehungsmuster, Gestaltungsphänomene und Standortpreferenzen auf. Sie entstehen unter bestimmten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen, denen sie zwangsläufig einen zeittypischen Ausdruck verleihen. Sie haben auch charakteristische Systemeigenschaften (Stärken, Schwächen, Entwicklungspotenziale, Entwicklungshemmnisse etc.), sowie einen typischen ökologischen Fußabdruck (Stoffströme, Energiehaushalt, Ressourceneffizienz, Infrastrukturaufwand, Flächeninanspruchnahme etc.).
Eine kritische Diskussion über EFH gewinnt nur dann Substanz, wenn man diese größeren Systemzusammenhänge nicht ausblendet. Dies setzt begriffliche Klärungen voraus. Und da wird rasch klar, dass die Begriffe „Familie“ und „Haus“ bereits ein unüberschaubares Spektrum an Unterschiedlichkeiten aufspannen. Familien und Häuser haben in der Vergangenheit anders funktioniert. Sie können nie losgelöst von ihren sozialen und alltagskulturellen Kontexten betrachtet werden. Und wie reagiert die typologische Entwicklung der EFH auf die immer instabiler werdenden Familienstrukturen unserer Zeit? Wie schaut das Patchworkfamilienhaus der Zukunft aus?
Wegen der Unüberschaubarkeit des Spektrums jener territorialen Systeme, denen EFH-Typen zugeordnet werden können, müssen hier die meisten außer Betracht bleiben. Es wird nicht von historischen Villen, Stadt- und Landhäusern die Rede sein, nicht einmal vom modernen verdichteten Flachbau und den dazugehörigen EFH-Typen. Der Text fokussiert auf jene freistehenden EFH, die minimale Vorgärten und Seitenabstände, sowie Gartenzuschnitte aufweisen, die gerade einem Minischwimmbecken, einer Minihüpfburg und einem Griller Platz bieten. Genau diese EFH tragen nämlich wesentlich zur flächigen Zersiedelung unserer Landschaften bei. Unser Hauptinteresse gilt hier der aktuellen EFH-Massenproduktion – dem Häuslbauen – und seinem Systemcharakter.
Scheuklappen
Der Hinweis, dass eine kritische Diskussion über EFH die größeren Systemzusammenhänge nicht ausblenden darf, klingt banal und wäre peinlich oberlehrerhaft, wenn nicht die alltäglichen Planungsentscheidungen im Bereich der Raum- und Siedlungsentwicklung – also in einem Bereich, in dem falsche Entscheidungen kaum korrigierbar und extrem lange wirksam sind – eine bedenkliche Verengung der Blickwinkel belegen würden. Wie sonst wäre es möglich, dass in Österreich immer noch täglich! 10 bis 12 Hektar Land in Bau- und Verkehrsflächen umgewandelt werden und die Zersiedelung überall munter fortschreitet, außer vielleicht in jenen alpinen Regionen, in denen das Potenzial an bebaubaren Flächen schon ausgereizt ist.
Da gibt es die Scheuklappen der Politiker, die offenbar den Blick daran vorbei lenken, dass die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung aus dem Jahr 2002 eine Reduktion des Flächenverbrauchs bis heuer (2010 !) auf etwa 2,5 Hektar (gegenüber jenen tatsächlichen10 bis 12) täglich vorgibt und dass die Grundsätze des österreichischen Raumordnungskonzeptes 2001 (nachhaltige Siedlungsentwicklung, ressourcenschonende Baulandentwicklung, kompakte Siedlungen, Sicherung von Freiräumen, flächensparende Erschließungen etc.) immer noch zu wenig ernst genommen werden. Andernfalls dürfte es keine neuen Siedlungsgebiete für freistehenden EFH mehr geben!
Da gibt es aber auch die Scheuklappen der Häuslbauer selber. Aktuelle Untersuchungen über Motivationsprofile zeigen z.B., dass private EFH-Bauherren genaue Informationen über die Grundstücks- und die Errichtungskosten eines EFH einholen, die gesteigerten Kosten für das Wohnen in dispersen Siedlungsräumen und die Aufwände für die damit verbundene Zwangsmobilität aber aus ihren Überlegungen meistens ausblenden.[2]
Von den Scheuklappen der Kommunen ganz zu schweigen, die immer noch glauben, durch die Ausweisung von neuem Bauland (bzw. dem forcierten Verwerten von überschüssig gewidmetem Bauland) jenen Teufelskreisen zu entkommen, in deren Sog sie längst geraten sind (Ausweisung von EFH-Neubaugebieten, Leerstände in den Ortskernen, steigende Folgekosten für technische und soziale Infrastruktur pro Kopf, wachsende strukturelle Auslastungsprobleme, Flucht nach vorne und neue Ausweisung von EFH-Neubaugebieten ... und so weiter ...).
Förderung der Verschlechterung
Scheuklappenperspektiven charakterisieren auch die Instrumente der räumlichen Entwicklungssteuerung, allen voran die Wohnbauförderungsrichtlinien der Bundesländer. So, als wären die dramatischen Folgen der Ausdünnung unserer Siedlungsräume in Hinblick auf ihre soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit nicht schon längst bewusst, werden solche Fehlentwicklungen de facto weiterhin massiv finanziell gefördert. Wir reden hier von Querfinanzierungen, denn es sind die EFH-Bauherren, die individuell profitieren, und es ist die Mehrheit aller anderen Steuerzahler, die weit überproportional die steigenden Folgekosten räumlicher Fehlentwicklungen aufgebürdet bekommt.
Aktualisierungen dieses fragwürdigen Instrumentariums finden nur im fördertechnischen Feinschliff statt. So nehmen zwar alle Förderungsrichtlinien raumplanerische Aspekte wahr (z.B. die Förderung von Kuppelungen oder Reihungen von EFH, die Gewährung von Ortskernzuschlägen oder die Unterstützung von Standorten in strukturschwachen Regionen), die geringe Gewichtung dieser Themen im Spektrum aller Förderungskriterien verkennt ihre tatsächliche Tragweite aber völlig.
Es schaut aktuell so aus, als wären diese Richtlinien von scheuklappentragenden Spezialisten für Teilgebiete der Bauphysik verfasst worden, die völlig auf das architektonische Einzelobjekt fixiert sind. Man liest seitenlang über Wärmedämmwerte, Energiebilanzen, Heizsysteme und technische Details, aber kein Wort über Verkehrssituationen, Nutzungsmischungen, Aneignungs- oder Veränderungsoptionen, Nachverdichtungsmöglichkeiten und andere Aspekte, die für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Siedlungsstrukturen viel maßgeblicher wären. (Der Aspekt der Nutzungsmischung wäre für die Bewertung des Gesamtsystems jedenfalls ungleich relevanter, als z.B. die vergleichsweise unwesentliche Kuppelung von EFH zu Doppelhäusern.)
Was nützt das perfektionierteste Passivhaus am Waldrand, wenn seine Bewohner ständig mit mehreren Kraftfahrzeugen unterwegs sein müssen, um ihren Alltag zu bewältigen? Niederösterreich hat immerhin das Pilotprojekt eines Energieausweises für Siedlungen gestartet. Viel effizienter wäre es allerdings; die raumplanerischen und siedlungsbaulichen Aspekte entsprechend durchschlagend in die generellen Förderungskonzepte der Länder zu integrieren!.
Nur nie alt werden
Die Wahrnehmung der gebauten Umwelt ist nicht nur in der Architekturszene in fataler Weise auf das architektonische Einzelobjekt fixiert, obwohl die größeren Maßstabsebenen den Systemcharakter unserer Lebensräume viel entscheidender prägen. Dabei ist es ein Charakteristikum territorialer Systeme, dass Fehlentscheidungen auf übergeordneten Systemebenen auch durch noch so viel Mehraufwand auf den darunter liegenden Ebenen nie kompensiert werden können. (Siehe Passivhaus am Waldrand...)
Auf Objektebene wird z.B. durchwegs auf Mobilitätseinschränkungen von Bewohnern eines EFH Bezug genommen. Barrierefreiheit ist ein außer Streit gestelltes Thema und wird entsprechend finanziell gefördert. Aber wie geht es EFH-Bewohnern, die selbst nicht mehr Auto fahren können, in Hinblick auf die größeren räumlichen Zusammenhänge? Die sitzen dann in ausgedünnten Siedlungsstrukturen verloren in ihren freistehenden EFH-Fallen fest. Die altgewordenen Häuslbauer, die ja auch immer zahlreicher werden, fallen als Opfer des territorialen Systems, das sie mitgeschaffen haben, in dem Maß aus sozialen und funktionellen Netzwerken heraus, in dem sie von ihnen abhängig werden (Kontakte zu Familienmitgliedern und Freunden etc.). Der Gewinn an Lebensqualität, den man sich als Junger verschafft hat, kehrt sich ins Gegenteil.
Neben den Kosten für Schülertransporte steigen auch die für mobile Versorgungs- und Pflegedienste der Alten, obwohl sie in fragwürdiger Weise überproportional auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Gäbe es in diesem Bereich eine Kostenwahrheit und eine konsequente Anwendung des Verursacherprinzips, würden viele disperse EFH-Siedlungsgebiete auf kurz oder lang geschleift werden müssen. Angesichts anderer territorialer Umbau-Phänomene (shrinking cities etc.) sollten wir uns auch auf solche Entwicklungen einstellen. Die Geschwindigkeit, mit der sie auf uns zukommen, steht in direkter Beziehung zum Benzinpreis. Das heißt, sie entzieht sich unserer raumplanerischen Kontrolle.
Prognosen
Wenn sich die aktuellen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, zum Ressourcen- und Flächenverbrauch, zum Klimawandel etc. annähernd bewahrheiten, dann wird es zu einem Umbau unserer territorialen Systeme kommen müssen. (Es wäre nicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ...). Eindeutige Fehlentwicklungen, wie z.B. die energievernichtende und flächenfressende Ausdünnung unserer Siedlungsräume bei gleichzeitiger räumlicher Trennung von existenziellen Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Versorgung, Bildung etc.), werden auf verschiedene Weise korrigiert werden müssen. Die Folgen dieser Fehlentwicklungen können bislang halbwegs aufgefangen werden, weil wir unverträglich viel fossile Energie dafür verbrennen. Wie lange wird das noch möglich sein?
Dezentralisierung wird langfristig daher nur dort systemimmanent funktionieren, wo an peripheren Standorten möglichst viele Lebens- und Versorgungsfunktionen vor Ort in lokalen Prozessen ablaufen können. Dies wäre quasi eine Aktualisierung des Systems „Einödhof“. Es wäre spannend zu untersuchen, ob normale EFH-Siedlungsgebiete solche Karrieren tatsächlich machen können. Skepsis ist angebracht.
Eine wesentlich effizientere Strategie steht hinter Leitbildern, die auf verträgliche Verdichtungen, kompakte Bebauungsstrukturen, kurze Wege, feinkörnige und prozessuale Nutzungsmischungen, komplexe Ortsbezüge und auf generelle Ressourceneffizienz abzielen.
Aus der Perspektive der Nachhaltigkeitsdiskussion ist es beklemmend, dass die quantitativ bedeutendsten typologisch-morphologischen Systeme des letzten Jahrhunderts, die in Massenproduktion hergestellten funktionell spezialisierten freistehenden EFH und auch die funktionell spezialisierten Geschoßbauten des „sozialen“ Wohnbaus, wahrscheinlich nicht in der Lage sein werden, zukunftsfähige typologisch-morphologische Entwicklungsprozesse zu absolvieren. Sie werden aufgrund ihrer starren und einengenden Systemeigenschaften positiven räumlichen Entwicklungen übermäßigen Widerstand entgegen setzen. Sie werden nicht mit angemessenem Aufwand korrigiert, veränderten Bedürfnissen angepasst, umgenutzt und als baulich-räumliche Ressourcen intelligent verwertet werden können. (In den französischen Vorstädten überwindet man diese Widerstände gerade mit Dynamit.)
Wer also heute ein freistehendes EFH in peripherer Lage baut, um seinen Erben einen beständigen Immobilienwert zu hinterlassen, sollte einmal die Scheuklappen ablegen und mit kühlem Kopf darüber nachdenken.
Wer regiert die Welt?
Die hier geäußerten Argumente sind nicht neu. Das freistehende EFH und das damit zusammenhängende territoriale System werden auf Expertenebene seit Jahrzehnten profund kritisiert. Die Argumente sind dabei so richtig wie wirkungslos. Warum? Ein unvollständiger Erklärungsversuch:
Wer behauptet, dass Geld die Welt regiert, findet hier einen schlagenden Gegenbeweis. Es ist doch offensichtlich, dass die Herstellung jener territorialen Systeme, deren zentrales Element das freistehende EFH ist, weder aus der ökonomischen Logik des Staates, noch jener der Kommunen, noch jener der meisten EFH-Bauherren schlüssig erklärbar ist. Sie alle blenden konsequent jene Argumente aus, die auf sinnvollere Alternativen verweisen. Sie unterliegen dabei offenbar gesellschaftlich etablierten Wertvorstellungen, die stärker sind als die wirtschaftliche Vernunft. Wo kommen diese Wertvorstellungen her?
Es besteht der Verdacht, dass noch das kleinste, architektonisch deformierteste, aber gerade noch freistehende EFH als legitimer Nachfolger aristokratischer Schlösser und landschaftsbeherrschender Villen interpretiert wird, während selbst ein in jeder Hinsicht qualitätsvolleres und lebensgerechteres Reihenhaus in der Tradition jener dörflichen Haus- und Hoftypen gesehen wird, in denen sich arme leibeigene Bauern abrackern mussten. Entsprechend sieht man sich auch als schwer verschuldeter Häuslbauer in der Tradition der Schlossherren, sieht die rostige Karre davor als die dazu gehörige Kutsche und gesteht dem Reihenhausbewohner von der gegenüberliegenden Straßenseite niemals den gleichen sozialen Status zu. Es geht also offenbar nicht vorrangig um Wirtschaftlichkeit, Funktionalität und Bequemlichkeit, sondern um Repräsentation.
Dieses fragwürdige Bewertungsmuster ist ja auch Tag für Tag in der multimedialen Werbelandschaft Leitthema einer aufwändig betriebenen kollektiven Gehirnwäsche. Dem gegenüber stehen die akademisch argumentierenden Stadt- und Raumplaner eindeutig auf verlorenem Posten. Und die von Stararchitekten entworfenen Designer-EFH spielen dabei eine delikate Rolle. Sie sind die verführerischen Marzipanrosen auf dem sonst schwer verdaulichen (Siedlungs-) Brei. Sie sind schön wie die spektakulären Fallrückzieher, durch die knapp vor dem Schlusspfiff eines haushoch verlorenen Matches gerade noch ein Ehrentreffer gelingt.
